Über die Form

Auszug aus einem Gespräch mit Philip Peter Schmidt im August 2005

"Der eigentliche Zwang besteht darin, die Logik der Form so in eine Konsequenz zu bringen, dass sie schließlich überzeugt. - Und daran muss man immer arbeiten."

 

Geometrische, kantige Formen bestimmten Volkmar Haases Werk bis in die 80er Jahre als er seinen Formenkanon durch weichere Akzente, Kurven und Schwingungen ergänzte. Seit 2003 hat sich aus dem „Wogen-Thema“ eine sich emporwindende Form entwickelt.

"Im Grunde ist die weiche Form über Jahrzehnte nie mein eigentliches Anliegen gewesen. Die Grundformen waren das Dreieck, die Vertikale. Erst Mitte der 70er Jahre kam – z. B. durch das Laokoon-Thema – die Umschlingung von mehreren Diagonalen hinzu, hier durch das Schlangen-Motiv. Dieser intuitive Zufall führte schließlich in seiner Konsequenz zur schwingenden Edelstahl-Skulptur der Aurora."

"Mir erschien sie damals wie ein Fremdkörper zwischen all den anderen früheren Arbeiten. Ich habe das zunächst eigentlich mit großen Unsicherheiten mir selbst gegenüber gesehen, weil ich ja auch noch nicht wusste, ob das nun wirklich nur das Ergebnis eines Zufalls war, diese Idee Aurora mit den weichen Formen oder – wie sich im nachhinein bestätigt hat – die Initialzündung für jene Formen, die ich dann – in ihrer weitesten Auslegung – "Woge" genannt habe. Da entstanden dann diese frei schwingenden, weichen Arbeiten, Additionen von Rundformen, die auf der einen Seite im abstrakten Sinne Wogen bedeuten können, es aber andererseits nicht unbedingt müssen. Das ist eine Frage der persönlichen Interpretation.“

Der in vielen Skulpturen wiederkehrende Gegensatz zwischen der in sich ruhenden Form und ihrer tänzerischen Schwerelosigkeit – verursacht dadurch, dass die Skulpturen auf einem Punkt stehen und mit ihrem ganzen Gewicht darauf zulaufen – ist ein Thema das Volkmar Haase ein Leben lang unbewusst beschäftigte.

„Wenn man die Arbeiten von 1960 bis heute betrachtet, dann wird ersichtlich, dass fast alle Skulpturen auf einem „Nullpunkt“, so möchte ich ihn nennen, ruhen, d.h., dass die Skulpturen, die von einem „Nullpunkt“ ausgehen und sich nach oben entfalten und in den Raum schwingen, Zeugnisse einer Aussage darstellen, die ich wahrscheinlich bereits als ganz junger Mensch in mir getragen habe.

Vielleicht hängt meine Art, Skulpturen „schweben“ zu lassen, auch mit dem Material zusammen, mit dem Edelstahl, der mir eine kaum wahrnehmbare Basis ermöglicht, auf der ich mit anderen Materialien kaum arbeiten könnte.“

Die Kugel als zusätzliches Gestaltungselement im Thema der Wogen.

„Ich betrachte die Kugel als absoluten Formgegensatz zu dem linearen, weichen und offenen Element der „Woge“, denn etwas absoluteres als die Form eines Kubus oder einer Kugel kann man als Bildhauer gar nicht schaffen. Ich sehe in der Kombination „Kugel“ und „Woge“ einen formalen Antagonismus, aber auch ein spielerisches Element, gewissermaßen einen Spannungsbogen zwischen strengen und weichen Formen, der sich scheinbar schwerelos im Raum befindet. Zudem glaube ich, dass das Lineare, dass ja in den „Wogen“ enthalten ist, optisch die geschlossene Form beinhaltet, die plastische, immer wieder gebogene Form, die häufig fast zu Rundungen findet, die allerdings auch immer wieder Öffnungen enthalten.“

Volkmar Haase wird oft ausschließlich als Bildhauer gesehen, zur Natur seiner Arbeit gehört jedoch auch die Zeichnung als autonomes Ausdrucksmittel.

„Wenn ich in die Werkstatt gehe und versuche eine Idee zu realisieren, habe ich immer eine kleine, bisweilen sehr kleine Bleistiftskizze auf der Werkbank, weil ich den zweidimensionalen Entwurf in der Zeichnung als Grundidee für die Ausarbeitung in Stahl brauche. In meiner ersten Ausstellung in der Galerie Bremer 1987 waren neben Skulpturen auch Zeichnungen zu sehen – ich möchte rückblickend sagen – „konstruktive“ Zeichnungen – sie entsprachen weitgehend der „kantigen“ Edelstahlzeit. Meine Zeichnungen haben später – etwa in den letzten beiden Jahrzehnten zu wachsender Eigenständigkeit gefunden, sicherlich auch in Zusammenhang mit der Entstehung und Entwicklung der weichen Formen.“